Interview mit Prof. Dr. Vera Volkmann

Hinter jedem Projekt stehen Menschen und ihre Geschichten. Darüber sprechen wir mit Frau Volkmann
Artikel vom 19. Dezember 2025
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In diesem Interview nehmen wir euch mit und sprechen über Erlebnisse, Herausforderungen, Dankbarkeit und das, was wirklich zählt.
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Frau Volkmann!
- Bitte stellen Sie sich unseren Leser:innen kurz vor und erzählen wie es zu der Initiative "FuNah" kam.
Mein Name ist Vera Volkmann. Ich bin Professorin für Sportpädagogik und Fachdidaktik des Sports. Seit zwei Jahren bin ich jetzt an der Leibniz Universität Hannover, aber vorher war ich über 10 Jahre Professorin an der Uni Hildesheim. Und dort standen 2014 nach einem Seminar zwei Studenten vor meiner Bürotür und hatten da so eine Idee. Sie hatten selbst so viel in ihrer persönlichen Entwicklung vom Sport profitiert, dass sie gern selbst etwas starten wollten, um anderen Kindern dies auch zu ermöglichen. Da habe ich natürlich gesagt, kommt doch mal rein. Das höre ich mir an! Die Ideen waren dann an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch nicht so ganz ausgereift, will ich mal sagen, aber das haben wir dann besprochen. Ich habe gesagt, was meiner Meinung nach gegeben sein muss, damit es funktionieren kann. Ja, und dann ging es schon wenig später mit einer ersten AG an der Gunzelin-Realschule in Peine los. In Peine, weil die beiden Studenten, Omar Fahmy und Dominik Feer, dort herkommen und ihre persönlichen Kontakte nutzen konnten. Ich habe schon da gesagt, dass das langfristig nur funktioniert, wenn es in Hildesheim in der Nähe der Uni umgesetzt wird, weil es sonst für die Studierenden viel zu aufwendig ist, und so haben wir es dann ja auch nach einiger Zeit auch gemacht.
- Was war Ihnen bei der Konzeptentwicklung besonders wichtig?
Das Herzstück ist auf jeden Fall, dass in der FuNah-AG dieselben Menschen mit den Kindern und Jugendlichen lernen UND Fußball spielen. Darüber haben wir am Anfang auch erst einmal ordentlich diskutiert. Die FuNah-Coaches begegnen den Kindern dadurch ganz anders, man lernt sich anders kennen und die Coaches sind dadurch quasi ein durchgängiges Identifikationsangebot für sie.
Dann war gesetzt, dass wir nur an Ganztagsschulen gehen, damit niemand länger bleiben muss für FuNah, sondern es einfach eine AG von mehreren ist. Inhaltlich haben wir sehr schnell die vier Säulen Bildungsbewusstsein, Sozialverhalten, Selbstbewusstsein und Integration fokussiert. Es geht darum, Sport zugänglich zu machen, den Bildungsgehalt des Sports z.B. hinsichtlich des Sozialverhaltens zu nutzen und Sport mit anderen Bildungsangeboten - quasi als Gatekeeper - zu nutzen.
Außerdem ist uns sehr wichtig, dass FuNah sich immer weiterentwickelt und auf aktuelle Problemlagen reagieren kann. Da ist natürlich ein wissenschaftlicher Blick sehr hilfreich! Wir haben schnell z.B. Sprachlerncamps in den Ferien angeboten und dieses Angebot dann durch Schwimmkurse und Camps zum Erlenen des Fahrradfahrens ergänzt. So wird mehr Selbständigkeit, Mobilität und Teilhabe ermöglicht.
- Gab es etwas, dass Sie überrascht hat?
Ich habe nicht erwartet, dass so eine vielschichtige und umfassende Initiative aus FuNah werden könnte. FuNah ist von der Kita über die Grundschule bis hin zur weiterführenden Schule in Hildesheim aktiv. Es gibt viele weitere Angebote, die insbesondere in der Nordstadt verortet sind und sehr stark zur Entwicklung des Stadtteils beitragen. Sehr positiv finde ich, dass sich immer mehr gezeigt hat, dass und wie die Kinder und Jugendlichen von FuNah profitieren. Aber auch die Studierenden profitieren so sehr davon, weil sie ihren Horizont erweitern und lernen, die Perspektive der Kinder einzunehmen, die es eben nicht so leicht haben. Die Studierenden verstehen viel besser, warum ein Kind sich wie verhält und können verständnisvoller und anerkennend agieren. Das ist gerade für die Lehramtsstudierenden meiner Meinung nach eine extrem wertvolle und notwendige Erfahrung, die sie dann sicher auch in ihrem zukünftigen Beruf handlungsfähiger macht. Schließlich werden in der Schule Wege geebnet oder eben auch verbaut.
Eine große Herausforderung ist auf jeden Fall die finanzielle und damit auch organisatorische Absicherung von FuNah. Die hat nicht nur mir so manche schlaflose Nacht bereitet… Ohne die zentrale Koordination durch Omar wäre FuNah schlicht nicht möglich. Er hält die Fäden in der Hand, wirbt Gelder ein, ohne die es gar nicht gehen würde, schult die Studierenden in den Seminaren und noch so vieles mehr, dass es den Rahmen sprengen würde. Ein sehr großer Erfolg ist, das die Uni Hildesheim und die Stadt Hildesheim jetzt ganz aktuell gemeinsam die Stelle von Omar als Dauerstelle entfristet haben. Sie wird also von der Stadt und der Universität gemeinsam langfristig getragen. Das ist ein sehr großer Erfolg und eine absolute Notwendigkeit, wenn es FuNah in der bekannten Qualität weiterhin geben soll.
- Wenn Sie heute zurückschauen, was hat FuNah bewirkt?
Übergeordnet denke ich, dass FuNah zeigt, welche Möglichkeiten in der Verbindung von Sport- und Bildungsangeboten stecken und dass die Voraussetzung dafür aber auch zwingend eine entsprechende Qualität der Angebote von der inhaltlichen und didaktischen Ausrichtung bis hin zur umfassenden Schulung und Sensibilisierung der Anleitenden ist. Sport hat sehr viel Potenzial. Dieses kann er aber nur dann auch entfalten!
Ein anderer Punkt ist noch, dass man an FuNah sehen kann, was engagierte Menschen bewirken können. Und damit meine ich auch die Vertreter:innen der Stadt Hildesheim, insbesondere Herrn Spitzer, und die entsprechenden Personen an der Uni Hildesheim. An erster Stelle stehen aber all die FuNah-Coaches, die jede Woche mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten und von denen einige den Weg zu FuNah selbst sogar schon als teilnehmende Schüler und Schülerinnen gefunden haben. Das ist wirklich toll!
- Was möchten Sie jungen Menschen mit auf ihren Weg geben?
Ich möchte sagen, dass es sich lohnt, sich für andere zu engagieren und etwas zu geben. Dass es wichtig ist, erst einmal die Kinder und Jugendlichen verstehen zu wollen und nicht einfach zu urteilen. Dass wir als Gesellschaft die Potenziale in ihnen suchen sollten und Werte nicht nur benennen, sondern auch vorleben sollten. Man kann vielleicht das große Ganze oftmals nicht ändern, aber jeder kleine Schritt, jede Unterstützung kann eine entscheidende sein. Es werden Lebenswege eröffnet und Perspektiven aufgezeigt. Das tut nicht nur den Kindern und Jugendlichen gut, sondern auch einem selbst. Schließlich geht es doch immer auch darum, Sinn im eigenen Tun zu finden.
Vielen Dank, Frau Volkmann!
